Kunstverein Wesseling


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Sabine Weber

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Kunstverein Wesseling, Freitag, 05.11.2010, 19:30 Uhr
Sabine Webers “
Tollhäuser und Narrentürme“
Sabine Weber ist künstlerisch gesehen eine progressive Einzelgängerin und eine ebenso engagierte Finderin von (hintergründigen) Worten und Begriffen.
Tollhäuser und Narrentürme, eher Bezeichnungen aus der Prähistorie, benötigen m.E. einen kleinen Exkurs.
Sabine Weber hat ein vielschichtiges Thema gewählt. Ein umfassendes, reichhaltiges und widersprüchliches Thema. Dies kann gelingen, weil die Künstlerin Werksprache verwendet, die sich in ihrer Klarheit emotionalen Klischees widersetzt. Und sie erzählt bildhafte Geschichten, die eine ganz aktuelle Alltagsspiritualität bergen.
Schon das Adjektiv „
Toll“ birgt enorme Möglichkeiten; ich möchte einige relevante nennen.
„Närrisch, überspannt, anziehend, aufreizend, unvergesslich, unauslöschlich, verblüffend, delikat, skurril, absurd, eklig, eindrucksvoll, aufregend.“
Toll“ steht aber auch für gemütlich, packend, liebenswert und exemplarisch.
Im unzensierten Sprachverständnis sind
Narrentürme den „Idioten“, Versagern, Kindsköpfen, Komödianten und Schelmen reserviert. Da es bei Türmen, jedweder Art, wolkenwärts geht, sind Sie auch Ausblick und Beobachtungsstand. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass mit dem wohl bekanntesten Narrenturm 1784 in Wien, durch Kaiser Joseph II., das weltweit erste Spezialgebäude erbaut wurde und eine neue Haltung gegenüber Geisteskranken entstand. Die Trennung von Geisteskranken aus der gesellschaftlichen Kategorie der Armen.
Im 21. Jahrhundert gibt es keine ausgewiesenen Tollhäuser und Narrentürme mehr, aber vielleicht heißen sie auch nur Krankenhaus, Wohnsiedlung, Plattenbau, Pflegeeinrichtung und/oder Kabarett/Comedy.
Doch das heutige Thema ist die
„Übertragung, und kein definierter Ort“.
Und nun sind Sie liebe Anwesende, in der Topographie, besser im System der Kölner Künstlerin Sabine Weber angekommen.
Ich kenne ihre Arbeiten und ihre beachteten Ausstellungen seit einigen Jahren. Aktuell im Gedächtnis habe ich Weber mit einer raumgreifenden Außeninstallation der Skulpturensammlung 2010 im Schlosspark Köln-2
Stammheim. Die Resonanz in der Öffentlichkeit ist lebhaft. Weiter erinnere ich mich an die Pressebesprechung einer Düsseldorfer Ausstellung mit dem Titel „
bacillus subtilis ad locus amoenus“ „Bakterien an einem schönen Ort!“ Sowas bleibt hängen.
Die Künstlerin gestaltet mit ihren Installationen große anspruchsvolle dunkle Kammern, wie die im Remagener Brückenkopf und genauso wenig scheut sie sich gesellschaftlich fragwürdiges Leben in hellem, lichten Kleinst-Format darzustellen. Bildchen, Stöckchen, Hemdchen und Hölzchen, Wimpelchen, Fläschchen; abgefüllt, (ganz plakativ) mit Moralin. Sie gestaltet kleine Sachen für sogenannte kleine Leute.
Das ist nicht dahergesagt, sondern hat Hand und Fuß. Die Künstlerin bietet enorme gesellschaftliche Spiegelungen an.
Nur auf den allerersten Blick erscheinen ihre Miniaturbühnen, Sockel und Collagen als spielerische unverbildete Äußerungen von Kindern oder Laien, sprich Dilettanten. Aus Erfahrung wissen Sie, dass keine andere Gruppe so ernsthaft und konzentriert bei der Sache ist.
Weber treibt dies mit Witz auf die Spitze oder die Türme und demonstriert dezent akademisch ihre Abgrenzung zur traditionellen akademischen Kunstlehre. Die Beschaffenheit des häufig genutzten „armen Materials“ unterstreicht das Vertrauen und die Gelassenheit der Künstlerin, dass die Kraft ihrer Umsetzung, Reichtum de facto, verkörpert. Im Kunstlehrverständnis deutet sie auf die Konzeption von „Arte povera“ und des „Objet trouve`“ hin.
Karton, Styropor, Schaumstoff, Wellpappe, u.a. findet die Künstlerin in der reich ausgestatteten Verpackungs - und Bastel-Industrie. Die nackten Hölzer und Reisig, ohne jede Chance auf Wachstum, zweigt sie deutschen Gehölzen ab.
Zurechtgeschnittene Zeichnungen und Fotografien, - oft mimisch ausdrucksvolle Porträts - , sind mit Pinzette erfasst, geklebt, und mit Blei-und Buntstiften karg geziert und in Szene gesetzt. Oft von oben herab, im Wortsinn. Mitunter eingehüllt in Wolken von Silber-Glitter.
Liebevoll verleiht die Künstlerin dem wenig funkelndem Leben der Anderen, damit nachhaltigen Glanz. Sie verweist auf Wesentliches, und nicht zuletzt auf den achtsamen Umgang miteinander.
Webers Objekte haben definitiv beste Zeiten nicht gekannt. Ihre Kunststoff-Stuckkonsolen unterstreichen Gegensätze und unerfüllte Wünsche. Paradox erscheint der makellose, sterile weiße Hinter – und Untergrund. Eindeutig sind Webers Arbeiten nie. Sie begibt sich in die Verdichtung von Erleben- und manchmal Erleiden. 3
Die Indizien für die Wiedererkennung von Phrasen und Regeln sprechen Bände im aufmerksamen Betrachter. Unsicherheit, Fragen, Klischees, Vorurteile, Ekel und Phobien werden virulent und gehören ins Webersche Darstellungsmonopol. Die Künstlerin legt dem Betrachter nahe, sich die packenden und irritierenden Geschichten, auch Sozialgeschichte, mithilfe ihrer ironisierenden Sichtweise anzusehen. Sie extrahiert Einzelelemente und kreiert aus ihnen Zusammenhänge existenzieller Zustände und Erfahrungen.
Die Künstlerin nähert sich besonnen und engagiert dem Artenreichtum der Benachteiligung, dies schließt Armut mit ein.
Über die Geradlinigkeit der Objekte gerät dies nicht zu Sozialkitsch, sondern zeigt die Planungskraft der Künstlerin, phantasievoll zu gestalten.
Die durchsichtigen Behausungen (Plexiglaskästen) an der Wand, werden zur Projektionsfläche und zum Filter für das Ungeklärte. Allein bei der Bezeichnung
Tivoli brandet unsere Erinnerung auf: Dezibel-Extreme laute Musik, Zuckerwatte und ein schillerndes buntes Lichtermeer, doch hier gibt es bis auf ein paar müde Fähnchen…nicht viel...
Siehe auch „
Paupartement“. Ein Wortspiel: Pauperismus, die Verarmung der Massen und Appartement, die Behausung des Vereinzelten.
Es gibt Hinweise auf das Fernsehen, dessen Sendungen Illusion und Nahrung nicht nur bildungsferner Schichten darstellen. Überhaupt geht es um das Ableisten von Lebenszeit vor der „Glotze“, gekoppelt an den Rausch von Kochshows und Essorgien, unwürdigen Castings und Talk-Shows.
Überdeutlich in der Arbeit: „Die
Sozialfahnder“ aus der Serie „Im Dienste der Sauberkeit“. Im Dickicht lauert der Schütze mit dem MG. Da modert die sprichwörtliche Leiche, die ja bekannterweise fast jeder im Keller hat, vor sich hin, neben dem rigiden „Putzplan einer Hausgemeinschaft“ Die leeren Gewänder einer Geheimorganisation, vermutlich Ku-Klux-Klan, deuten auf Rassismus und Fremdenangst in den heimischen Wänden hin.
Ganz klar beziehen die Objekte ihre Ausdruckskraft aus den winzigen additiven Elementen. Ähnlich einem Setz- oder Baukasten wirken ihre Schablonen, mit deren Modulen der Betrachter verfahren und seine gedanklichen Muster entwickeln kann. Die winzigen Objekte sind eine Metapher für große gesellschaftliche Fragen, die häufig klein gemacht und geredet werden. 4
Die überaus wohlmeinende Art und Weise, mit der Sabine Weber das Triviale
, Banale und letztlich auch Tragische ins Blickfeld rückt, gehört zur gültigen Stilisierung anonymer Biographien.
Abschließend fällt mir wieder der Satz eines Kollegen ein, der nach dem Besuch einer ART BRUT - Ausstellung folgendes schrieb:
„Es ist, als ob wir einmal
HALLOin das Tollhaus Welt hineingerufen haben, doch schnell weggerannt sind, ehe jemand antworten konnte.“
Sabine Weber ist stehen geblieben.
Copyright by:
Marise Schreiber
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