Hauptmenü
Ausstellung > 2010
12. März bis 24. April 2010
"Inside Light"





Würfelobjekt II/ 2008, Acryl/Öl auf BW, 80 x 95 cm
Über Eck – Schattenspiele in den Bildern von Petra Ottkowski
‚Jener Schatten, welchen alle Dinge zeigen, wenn der Sonnenschein der Erkenntnis auf sie fällt –
jener Schatten bin ich auch.’ (Friedrich Nietzsche)
Dass die Malerei eine Notlösung ist, wissen wir seit der Antike. Dies soll aber nicht etwa abschätzig klingen,
teilt sich darin doch immerhin eine Not mit, die unsere Anteilnahme verdient. Jedenfalls überliefert Plinius der Ältere
die Geschichte des Mädchens aus Korinth, das anhand des Schattenrisses ihres Geliebten, dessen Abberufung
in den Krieg unmittelbar bevorstand, ein Porträt zur andächtigen Vergegenwärtigung des alsbald Abwesenden
erstellte. Der Ursprung der Malerei war somit bereits überschattet von der Erfahrung eines Verlustes. Mit dem
Schattenbild beginnt demnach die Malerei.
Der Schatten, selbst von immaterieller Substanz, bezeugt auf Leinwand oder ähnlichem Untergrund gebannt,
die Existenz der abgebildeten Person oder des Gegenstandes. Dem Schattenbild entnehmen wir wichtige
Informationen über die Gestalt von Körpern und über die Quelle des Lichts, das darauf fällt. Doch Schatten
verfügen auch über so etwas wie ein Eigenleben. Nietzsches Unterhaltungen des Wanderers mit seinem
Schatten legt nicht zuletzt davon Zeugnis ab. Der Schatten gibt Auskunft. Er erzählt von der Begebenheit der
Objekte und er zeigt die Positionen der Objekte in ihren Relationen zueinander, zur Quelle des Lichts und zum
umgebenden Raum. Wer imstande ist, einen Schatten zu deuten, kann die Geschichte der Begebenheit
rekonstruieren, kann Ortsbe stimmungen vornehmen und Größenverhältnisse konstruieren. Anhand der Schatten-
Beobachtung entwickelte sich die Geometrie und spätestens hier kommt auch der Begriff der Projek tion ins
Spiel. Die Beziehung zwischen den Gegenständen und ihren Schatten, zwischen Materiellem und Immateriellen
ist also eine komplexe, die zwischen Sein und Schein schwankt.
Mitten hinein in dieses Aufklärung und Beweiskraft oder aber Verwirrung und Illusionen stiftende Beziehungsgeflecht
lassen sich auch die Bilder von Petra Ottkowski verorten. Die Fragestellungen, die mittels ihrer Bilder verhandelt
werden, sind solche, die die Malerei von Beginn an begleitet haben. Farbe, Licht, Schatten, Körper, Raum und
Perspektive bilden die klassischen Parameter, die auf planer Fläche mitunter monumental inszeniert werden.
Bei den Bildern der Künstlerin handelt es sich um eine Malerei mit Ecken und Kanten. Sie erforschen Grundsätz -
liches und geben Einblicke in eine fensterlose aber gleichsam lichte Welt.
Zugrunde liegt ihnen ein System von raumerzeugenden pikturalen Elementen, die einer Syntax zu gehorchen
scheinen, einem Regelwerk der spielerisch-kalkulierten Kombination und Reihung dieser Elemente. In der Malerei
gibt es gemeinhin den Raum entweder nur als Illusion oder als Metapher. Dass eine Annäherung beider möglich
erscheint, deuten Petra Ottkowskis Tableaus zumindest an. Auf ihren Bildern ist der Raum sowohl ein Zeichen -
geflecht als auch Gegenstand der Erkenntnis.
Die verschachtelten Kammern, Kisten, Kuben oder Würfel auf Ottkowskis Bildern sind gleichsam Konsumenten
des Lichts. Das Licht und seine Re flexion bestimmt das Bild der Welt, welche als partiell ausgeleuchteter
Bühnenraum vorgestellt werden kann, und übernimmt die Aufsicht. Sämtliche Behältnisse, durch die Lichtregie
einsehbare Kubenobjekte, erscheinen eigentümlich entleert. Aber wo nichts ist, gibt es viel Spielraum für unsere
Imagi nationen. Die Zeugnisse einer durch Phantasie erschaffenen Kunstwelt dreidimen sio naler Räume auf zwei -
dimensionaler Fläche öffnen möglicher weise die Pforte hin zu einer Wesenheit der vierten Dimension, die unsere
als real erscheinende Welt lediglich imaginiert und visualisiert. Im Abwesenden sind vielerlei Anwesenheiten denkbar.
(E) Einzelausstellung / Solo Exhibition
Anna-Schneider-Steig 3 · 50678 Köln / Rheinauhafen · Fon +49/0221/93 111 70 · Fax +49/0221/93 111 73 · galerie@binz-kraemer.de · www.galerie-binz-kraemer.de
Mitglied
Alle Oberflächen bestehen aus demselben optischen Material. Vor allem erscheinen diese Ober flächen ausgesprochen
dünn und filigran, in Teilen nahezu gläsern transparent. Darüber hinaus gehende Bestimmungen zum Charakter
der dargestellten Mate rialien, wenn denn überhaupt von solchen zu sprechen wäre, müssen ins Feld der reinen
Spekulation verwiesen werden. Bei einer formalen Betrachtung lassen sich diverse Referenzen, die damit gleich -
zeitig auch eine Überprüfung erfahren, für die Bildfindungen namhaft machen. So erinnert die Farbigkeit streckenweise
an die Palette Lyonel Feiningers. In der Betonung des Schlagschattens gerät die ‚pittura metafisica’ eines
de Chirico, die so unverwechselbar die Welt verrätselt, in den Blick. Den Umgang mit elementaren Modulen und
deren serielle Anordnungen kennen wir aus wegweisenden Arbeiten des Minimalismus, des Konstruktivismus
oder der Konkreten Kunst. In den neueren Werken ist eine gesuchte Nähe zum Erscheinungsbild von Computer -
grafiken und damit zum errechneten, kalkulierten, zum virtuellen Bild augenscheinlich.
Ottkowskis Bilder sind ‚Gegenstände für den geistigen Gebrauch’ (Max Bill) und damit ein weiterer Beleg dafür,
dass die theoretischen Fragen nach den Bildern zuallererst in eben diesem Medium des Bildes als Frage zu
formu lieren sind und der Umgang mit diesen Fragen seinen Ausgangspunkt in deren materiellen und visuellen
Gegebenheiten zu nehmen hat. In einem Bild wird die Sichtbarkeit von der Abwesenheit der Sache getrennt.
Bilder sind Entmaterialisierungen, welche einen Gegenstand in reine Sichtbarkeit trans formieren. Die singulären
Eigenschaften des Lichts gestatten es, dass die ganze dynamische Genese im Wahrnehmungsobjekt verschwindet,
so dass im Sehen der Wahrnehmende von jeder kausalen Verwicklung in die wahrzunehmenden Dinge frei bleibt.
Das Sehen ist nach Hans Jonas der einzige Sinn, bei dem der Vorteil nicht in der Nähe, sondern in der Distanz liegt.
Etwas genau betrachten, heißt wissen wollen, wie es aussieht, falls jemand danach fragt. Die angeschaute
Bildfläche erfordert unsere visuelle Aufmerksamkeit, verpflichtet zur Bestätigung, gestattet den Zweifel oder lädt
zu Spekulationen ein.
Die Bilder von Petra Ottkowski erinnern den Betrachter daran, dass Sehen ein Tätigkeitswort ist und bestimmen
uns zu aktiven Beobachtern unserer Welt. Die Notwendigkeit ihrer Lösungen scheint damit hinreichend belegt.
Harald Uhr
Vita
2005 Meisterschülerin von Prof. Arno Rink
1997-2002 Malerei a. d. HGB, Leipzig
1995-1997 Buchkunst a. d. HGB, Leipzig
1990 -1995 Visuelle Kommunikation a. d. FH für Design, Münster