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Ausstellung > 2006
Otto Scholtes
Ausstellung "Menschen und Landschaften" vom 20.10. - 12.11.2006 im ArtForum, Bonner tr. 43
Otto Scholtes, Wesselinger Künstler, Träger der Wesselinger Kulturplakette, Mitglied des Kunstvereins der ersten Stunde, hat auf seinen Stationen der Kunst viele Richtungen durchlebt und durcharbeitet - über Malerei, Plastik bis zur Computergrafik.
70 Jahre, darin 50 Jahre künstlerisches Schaffen - aus dem Realen ins Surreal-Abstrakte, aus dem Vollen ins Minimalistische. Dort wo andere längst an ihrem Lebensmythos stricken oder sich ihren Enkeln widmen, um mit jenen die ausgelassenen Dummheiten ihrer Kindheit ungestraft nachzuholen, holt sich Otto Scholtes Kreativität aus der Provokation einer sozialkritischen Spannung.
"Provokation ist die Quelle jeglicher Kreativität" lässt er uns wissen.
Provokation bereits im Titel: Wer den Titel "Menschen und Landschaften" mit "Menschen in Landschaften" übersetzt hatte, dessen Erwartung wird enttäuscht und unerfüllt bleiben. Vollends versagen muss sich der Betrachter bei dem heutigen Werk Otto Scholtes' den Schluss vom Titel auf ein romantisches Menschen- und Landschaftsverständnis, wie es zuletzt das Folkwang-Museum in Essen mit Werken Caspar David Friedrich's als "Erfindung der Romantik" präsentiert hat:
In dessen berühmten Gemälden "Wanderer über dem Nebelmeer" und " Frau in der Morgensonne" sind Mensch und Landschaft im Titel wie im Bild gebannt. Die menschliche Figur ist der Mittel- und Ausgangspunkt einer Welt, die sich durch die reine Betrachtung offenbart. Einsam und still blicken der Wanderer und die junge Frau auf das sich vor ihnen ausbreitende Naturspektakel. Das Naturgeschehen scheint sich einzig auf die Menschen zu beziehen. Die Nebelschwaden laufen gleichsam im Herzen des Wanderers zusammen, die Strahlen der aufgehenden Sonne scheinen von der jungen Frau auszugehen.
Nichts dergleichen bei Otto Scholtes: Seine Landschaften sind wie aus dem Steinbruch gebrochen, seine Menschen waidwund angerissen wie eingebrochen. "Ausbruch und Einbruch" war meine aaliterative Annäherung an das ausgestellte Oeuvre.
Das nimmt nicht Wunder: Seine Landschaften sind gerissene Wunden, verletzlich wie die Krume auf den Windverworfenen Steinen der Bretagne. Vergeblich selbst sucht man einen Halt in der "Landschaft". Sie ist vertarnt, minimalistisch auf die wesentlichen Linien und Strukturen zurückgeführt. "Cool" würde mein Enkel das nennen - und dann wird doch über alle strukturelle Wesentlichkeit in der Lichtführung ein stimmungsvoller Hauch von Wärme vermittelt.
In gleicher Weise minimalisiert Otto Scholtes seine Menschenbilder. Auf verblichenen Fresken in romanischen Kirchen findet man derart angerissene Menschen, sie atmen kalt morbiden Verfall. Konsequent erhalten die Bilder zumeist keine Namen, sondern Nummern.
Otto Scholtes neue Arbeiten - Aquarelle und Mischtechniken, geometrisch, konzeptionell oder monochrom - sind in ihrer Reduktion meditative Poesie. Sie laden den Betrachter ein, aus sich selbst aus- und in die Bilder einzubrechen, sein eigenes Werden in die rudimentären Strukturen der Bilder einzubringen, die Bilder mit seinem eigenen Sein und Bewusstsein zu füllen und damit zu vollenden.
"Ausbruch und Einbruch" gewinnt damit jene Radikalität des Alters, das sich weise auf das Wesentliche versteht. Eine Wesentlichkeit, die sich nicht mehr in scharfen Kanten und begrenzten Figuren konturiert, sondern seltsam verschwommen in die Bilder projiziert. Erst reibt sich der Betrachter die vermeintlich feuchten Augen, um sich - alsdann klar sehend - mit seiner Wesenheit in der Wesentlichkeit der Bilder wieder zu finden.
Otto Scholtes macht in der Brüchigkeit und Verletzlichkeit seiner Bilder uns durch diesen Effekt zu Mitwissern und Mitgestaltern seiner ausgestellten neuen Arbeiten - darin steckt einmal mehr seine Provokation: Er spielt nicht nur bildhaft mit Menschen und Landschaften - er spielt - haben Sie keine Angst - er spielt mit uns.




