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Georg Gartz, Wonderful Imperfect, Einführung in die Ausstellung am 17.6. 2011
Kunstverein Wesseling e.V. mit Unterstützung der Stadt Wesseling, Galerie und Scheunengalerie Schwingeler Hof, Schwingelerweg 44, 50389 Wesseling
Einführung in die Ausstellung
Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar
(Paul Klee)
Diesem Grundsatz von Paul Klee ist die Arbeit von Georg Gartz überall verpflichtet in seinem Gestaltungskonzept trotz der ganz anderen Figurationen bei Paul Klee.
Lassen Sie mich précisartig nach einer Einführungsrede zu den Werken von Georg Gartz im Jahre 2005 einen Gesamteindruck vermitteln, den ich dann konkretisieren werde:
Dr. Martin Turck hat im Jahre 2005 bei einer Ausstellung in der Kyotobar auf eine ganze Reihe gestalterischer Eigenheiten hingewiesen:
Auf das Fehlen der Perspektive zugunsten flächenhafter Raumkonzeption, auf die umfangreiche Farbskala von sensiblen Abstufungen bis zur Höchststeigerung der Farbe, vor allem auch auf eine große Skala von Darstellungsdimensionen beim Auftrag der Farbe mithilfe mannigfaltiger Werkzeuge und auf die Komprimierung und Offenhaltung von Raum, Form und Farbe mit dem Ergebnis einer ungemein reichen Vorstellungswelt.
Was bedeutet diese zusammenfassende Darstellung der Bildsprachlichkeit nun konkret in den jeweiligen Bildern? Lassen Sie mich am Beispiel dieses Bildes ohne Titel (s.o.) aus der Serie der neuen zum Venedig-Erlebnis entstandenen Bilder) verdeutlichen, was damit im Einzelnen gemeint sein kann:
Trotz der Strenge der Komposition –– erleben wir eine Farb-Stimmung. Die senkrechte Farbfeldkomposition erinnert sofort an die Meditationsbilder von Rothko. Dies Stimmunghafte, Atmosphärische hier ist nicht „aggressiv“, aber sehr entschieden, und gezielt haben wir im linken roten Streifen und im rechten dunkelblauen Streifen klare Abgrenzungen und eine Akzentuierung, Durch diese Kompositions-Struktur erleben wir das Bild so, als ob wir durch ein Fenster auf einen Ausschnitt einer Stadtlandschaft schauen: Neben dem roten Streifen wie in der Spiegelung eines Fensters scheinen wir Figuren und Köpfe oder auch Straßen-Schluchten oder Wasserkanäle wahrzunehmen. Das blaue Feld, überhaupt den restlichen im hellen und dunklen Blau gegliederten Streifenbereich brauchen wir uns nur horizontal zu denken, um Wasser, Horizont und am obersten Rand eine Insel-Silhouette wahrzunehmen, Seherlebnisse, wie man sie in Venedig immer wieder hat. Dabei schaffen sowohl die lasierenden Schichten übereinander links oder die Abfolge von hellen und dunklen, strukturierten und unstrukturierten, scharf und aufgelöst konturierten Flächen eine räumliche, farbräumliche Vorstellungswelt, denn Perspektive gibt es hier nicht.
Formgebung wird nicht nur in den streifigen Farbfeldern, sondern vor allem durch den Farbauftrag ermöglicht. Der Wechsel dabei mal mit Farbrollen, dann mit breiten Pinseln, Spachteln und anderen Werkzeugen bewirkt ein sehr lebendiges Feld, das sich aber harmonisch, fast lyrisch verfeinert vor unseren Augen entfaltet. Wie kommt es, dass ein Bild von der Logik der Wahrnehmung her eigentlich zweigeteilt ist, in eine linke warme Hälfte und eine rechte kalte Hälfte, aber doch einheitlich und stimmig wirkt? Das ist die Leistung eines Künstlers mit geübtem Auge, der im Sinne der „inneren Notwendigkeit“ von Kandinsky, auf den sich der Künstler auch gern beruft, durch ganz bestimmte Veränderungen, Korrekturen im Arbeitsprozess dieses Ergebnis sozusagen erarbeitet. Die weißen Streifen, links und rechts eindeutig über ein farbiges Feld darunter gerollt, bewirken genauso wie die Verteilung der dunklen Flächen ein Gleichgewicht aller Teile und Aspekte des Bildes.
In diesem Aspekt der Schaffung von Stimmigkeit und harmonischem Ausgleich liegt auch ein wesentlicher Teil des Arbeitsprozesses zutage, den der Künstler praktiziert. Mit einem allgemein gehaltenen Konzept (senkrechte Farbfelder), einer Farbstimmung in Erinnerung an erlebte Stadtlandschaften (hier kalt-warm, Archibeginnt der Künstler ein Bild, lange Zeit nur mit rein intuitiv gesetzten Farbflächen, die dann beim Arbeitsprozess immer wieder übermalt und differenziert werden, im Farbton, in den Helligkeitswerten (ohne Licht-Schatten-Modellierungen), in den Farbauftragsstrukturen und in den Proportionen. Erst zum Schluss erreicht er den größten Spannungswert, den in der Bildfläche gefangenen Rhythmus und das metaphorische Erlebnis, das in der Alltagsrealität aus konkreten benennbaren Details besteht, die der Betrachter für sich wieder wachrufen kann.
So ist der vorherrschende Arbeitsprozess im Zusammenhang mit diesen ausgestellten Bildern zu sehen. Für uns besteht jetzt das Sehangebot in diesem metaphorischen Feld, uns unsere eigenen Vorstellungen bewusst zu machen, uns an der vielgestaltigen Variationsbreite eines Erlebnisfeldes zu erfreuen, immer wieder neue Rhythmen, visuelle Zusammenhänge in Farben oder Strukturen, z.B. aus dem Stadtbild Venedigs herauszulesen.
Bei den Papierbildern sind drei unterschiedliche Serien vertreten: Siebdrucke, Überarbeitungen von Fotocollagen und Monoprints. Es sind alles Mischtechniken, wenn er sogar bei den Siebdrucken mit Farbwalzen, breiten Pinseln und ähnlichen Hilfsmitteln Überblendungen und Mehrschichtigkeit erzeugt.
Die meist collagierten Fotografien sind durch die Überarbeitungen zu neuen, offenen Bezügen umgeformt, erhalten dabei eine Vielschichtigkeit und somit eine Tiefendimension: Die Realbezüge werden dadurch in ein Umfeld von Zerbrechlichkeit, Abnutzung oder Auflösung wie bei De-Collagen gebracht.
Die Serie der vor Ort in den letzten Jahren im Mittelmeerraum, in Tunesien entstandenen Monoprints 2005 , wie Gartz sie nennt, mit der orientalischen Ornamentik angereichert, entfalten eine Farbstimmung, wie sie nicht von ungefähr in die Nähe der Aquarelle geraten, die bei der Tunisreise von Klee, Macke und Moilliet berühmt geworden sind. Diese Monoprints sind vor Ort mit Hilfe von Glasplatten wie Monotypien entstanden und mit weiteren Malwerkzeugen überarbeitet. Auch hier entstehen wieder mehrschichtige Sichten von unterschiedlichen Raum- Zusammenhängen, die ein verdichtetes Blickfeld schaffen, das die orientalischen Muster und feingliedrigen Architekturelemente zu filigranen Teppichen einbeziehen, die einen geheimnisvollen Zauber entfalten.
Die große Installation hier mitten im Raum, die zunächst mit dem kruden Lattengerüst befremdlich wirkt, ist eine Wiederaufbereitung der Arbeit „Alloverpainting von 2000 in der Kooperative K in Hagen“, diesmal allerdings nicht in den landschaftstypischen Grüntönen, sondern – wie eine Architekturlandschaft – in Rot-Abwandlungen. Diese Installation repräsentiert ein Beispiel aus einem weiteren ganz wichtigen Arbeitsfeld des Künstlers Gartz. Nachdem seine Farbfeldarbeiten sowieso schon immer ihren offenen Raum schaffen und dabei auch über die Bildränder hinweg zu expandieren scheinen, war es ein weiterer Schritt, Farbfelder in den Realraum hineinzustellen, den Realraum also als Feld der Entfaltung für Farben zu nutzen statt der Leinwandflächen. Es ist in den letzten 15 Jahren hierzu eine Fülle sehr origineller Arbeiten entstanden. Immer wieder geht es ihm dabei darum, bestimmte Farbstimmungen z.B. mit ganz einfachen, großen Papierbahnen als schwebende Farbgegebenheiten den jeweiligen Räumen anzupassen, auf sie abzustimmen. Das Beispiel von Christo ist hier nicht so ganz entfernt, obwohl die Farbgerüste und Farbkörper von Gartz eine eigene Sprache haben.
Mit dieser schiefen Ebene hier ist in den Abwandlungen und Abstufungen von Rottönen etwas wie Stadt-Landschaft gemeint. Die große Projektionsfläche für unsere Imagination wird von der Rückseite, im Untergrund, mit dem fragilen Lattengerüst sehr labil gehalten und gewinnt gleichzeitig dadurch an Leichtigkeit Wenn man sich auf diese analogen Vorstellungswelten einlässt, können solche Gebilde in ihrer bühnenhaft grandiosen Dimension uns in andere Welten, Erlebniswelten entführen, wie Georg Gartz sie für uns entdeckt und realisiert hat. Schauen Sie in seinen ausliegenden Katalog zu den bisher schon entstandenen Installationen, wenn Sie eine adäquate Vorstellung von der künstlerischen Leistung in diesem Feld gewinnen wollen.
Insgesamt haben wir in dem hier ausgestellten Ensemble eine Wunderwelt offener, vielschichtiger Gebilde vor uns, die immer wieder vom Hauch der Vergänglichkeit durch Verwitterungsprozesse, Auflösungserscheinungen und fragmentierte Details geprägt sind, eben wie der Titel sagt: Wonderful Imperfect, das Wunderbare in der offenen, unvollkommenen, von Auflösungen und Neukonstitutionen geprägten visuellen Welt, prägnant zusammengefasst im Statement von Jürgen Kisters:
In seinen Gemälden öffnet Georg Gartz den Raum, und seine freien malerischen Gesten verknüpfen eine abstrakte Romantik mit der Demonstration des Prozesshaften allen Lebens. Aufregend und harmonisch zugleich bringt er zum Ausdruck, wie sehr Farbe und Erleben grundsätzlich miteinander verwoben sind.
Ekkehard Drefke Wesseling, 17.6.2011